Aus der Schiri-Kabine (2. Kolumne)

„Einer für alle, alle für einen.“ Im Mannschaftssport gilt dieses bekannte Sprichwort ausnahmslos. Sollte zumindest. Natürlich gilt das nur innerhalb einer Mannschaft. Anders würde es im sportlichen Wettkampf auch keinen Sinn ergeben, eigentlich. Dass es aber anders geht, haben zwei Mannschaften aus der Kreisklasse A bewiesen – erfolgreich, aber auch sportlich fair?

Das ist passiert: Ein enges Match. Über die gesamte Spielzeit trennte beide Teams maximal ein Tor. Endstand 2:1. Es war umkämpft, aber nicht zu hart. Die Spieler gingen vernünftig miteinander um. Vernunft ist das Stichwort. Denn an anderer Stelle fehlte sie – leider. Und zwar gegenüber dem erst 16-Jährigen Schiedsrichter. Immer wieder wurde er bepöbelt, meistens von den Zuschauern. Aber waren es „nur“ sie? Die entscheidende Frage, wie sich später herausstellte. Jedenfalls wurde nicht differenziert. Gepöbelt wurde ständig und immer in Richtung Schiedsrichter – bis es eskalierte.

Ich selbst pfeife seit elf Jahren. Habe ca. 650 Spiele über die Bühne gebracht. Ich weiß also wie es sich anfühlt, wenn man der Buhmann ist. Darin besteht auch kein Problem. Mit der Zeit lernt man damit richtig umzugehen. Aber was der talentierte Nachwuchsschiedsrichter erfahren musste, geht zu weit. Es lief die 72. Spielminute: Pass, Abseits, Pfiff – Beleidigung! „Du A…loch!“ Der Schiedsrichter drehte sich um und zog sofort die rote Karte. Richtig oder falsch?

Wenn es nach den Spielern ging, in jedem Fall falsch. Sofort reklamierten sie: „Der hat das doch gar nicht gesagt! Das kam von draußen!“, riefen sie hektisch. Grundsätzlich lassen wir Schiedsrichter uns davon nicht beirren. Natürlich verteidigen die Akteure ihren Kollegen. Doch an diesem Nachmittag war es anders. Denn nicht nur die Mitspieler, auch die Gegenspieler traten an den Schiri heran. „Er war es wirklich nicht“, beteuerten sie. Plötzlich hieß es nicht alle für, sondern alle, und zwar wirklich alle, gegen einen. Gegen den Schiedsrichter. Denn eines war klar. Beleidigt wurde er. Nur von wem? Den Spielern war es egal. Sie haben ihr Ziel erreicht. Der Schiri nahm die rote Karte zurück und der Spieler durfte weiterspielen. Richtig oder falsch?

Kurz gesagt. Der Schiedsrichter hat erst falsch und anschließend unsicher agiert. Die rote Karte hätte er nicht aussprechen dürfen. Hören allein reicht nämlich nicht aus. Er muss sehen wer es gesagt hat. Und das war nicht der Fall. Dass er anschließend unsicher war, hat seine Reaktion gezeigt. Nur deshalb hat er den Feldverweis zurückgenommen. Wahrscheinlich war es in der Konsequenz die richtige Entscheidung. Denn eine persönliche Strafe, und eine rote Karte stellt genau so eine dar, kann nur ausgesprochen werden, wenn der Täter zweifelsfrei bekannt ist. Es handelt sich um eine absolute Ausnahmesituation. Ist sich der Schiedsrichter sicher, wird und muss er zu seiner Entscheidung stehen. Das ist sein Job! Und dann spielt es auch keine Rolle, wie viele oder welche Spieler sich beschweren.

Zum Abschluss: Einige sprechen von einem vorbildlichen Verhalten der unterlegenden Mannschaft, die sich für einen gegnerischen Spieler eingesetzt hat. Sicherlich eine außergewöhnliche und faire Aktion. Doch ich hätte mir gewünscht, dass die Spieler, egal von welchem Team, dem Schiedsrichter beigestanden hätten, als er die Pöbelattacken der Zuschauer über sich ergehen lassen musste. Das wäre ein starkes Zeichen gewesen und in meinen Augen das wirkliche Fair Play. Und auch dann passt erst das Sprichwort: „Einer für alle, alle für einen.“

Sportliche Grüße

Dajinder

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